ich hoch nich...!

meine-Mutter
Das war die Grundhaltung meiner Mutter als Kind. Wenn die Stiefmutter sauer auf sie war und sie in eine Kammer sperrte, sie nach einer Weile wieder herausließ und fragte ob sie jetzt gehorcht, kam die stets trotzige Antwort meiner Mutter: "Ich hoch nich !"
Und so war sie auch in ihrem Leben immer eine kleine Rebellin. Ob das bei Hitler war oder später in der DDR. Wobei ich diese beiden Systeme keinesfalls gleichstelle.
Sie hat mir einmal so plastisch erzählt (und das konnte sie unübertroffen), dass sie auf dem Weg vom Tanzen durch einen kleinen Wald laufen musste. Allein wenn ich mir das vorstelle- war sie unerschrocken oder leichtsinnig?
Jedenfalls läuft sie so durch den verschneiten Wald und da sieht sie ihn stehen...einen echten, schönen Elch. Sternenklarer Himmel, glitzernder Schnee und dieses wunderschöne, majestätische Tier. Sie hielt inne, er hielt inne. Ein kurzer, langer Moment in dem sie sich beschnupperten (aus der Ferne, versteht sich). Dann zog er gemächlich weiter.
Man hat damals schon so gut wie nie Elche vor die "Linse" bekommen. Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die sie da gesehen haben, zu den Glückskindern gezählt wurden.
Glück hat sie gehabt, meine Mutter. Schon damals im Wald finde ich.
Später als sie verheiratet in Gotenhafen gewohnt hat und den Polen ab und zu Brot zugesteckt hat, oder bei leichten Krankheitsfällen geholfen hat, hat das Glück sie nicht verlassen.
Sie hatte immer Angst, dass man sie wegholt.
Sie glaubte immer, dass der Typ, der sie nachts im Treppenhaus gewürgt hat, von den Nazis kam. Aber das glaube ich nicht. Der hätte sich nicht von ihrem Schreien abhalten lassen. Das wäre ratz-fatz gegangen.
Auch da hatte sie Glück. Glück hatte sie auch auf der "Gustloff".
Oft hat sie mit dem Vater über Hitler gestritten und von den KZs, von denen sie gehört hatte erzählt. Er wollte es immer nicht wahr haben. Er war Musiker beim Militär. Hat aber keine Waffe anrühren müssen. Erst zum letzten Schluss.
Zu DDR Zeiten ist sie erst sehr spät in die Partei eingetreten. Sie mochte den Sozialismus. Keine Angst um den Arbeitsplatz, keine Existenzängste und auch wenn man krank wurde fiel man in kein soziales Loch. Die gesundheitliche Versorgung war kostenlos.
Dennoch hat sie schon hier und da etwas zu beanstanden gehabt.
Ich erinnere mich gut an die abendlichen Gespräche. Mein Vater sagte zu meiner Mutter meistens zärtlich "Kerlchen", sie sage nicht weniger zärtlich "Murkel" zu ihm ( Von murkeln, kuscheln, knuddeln).
Wenn sie sich dann aber stritten war es schon drollig wenn dann Murkel zu Kerlchen sagte:"Das hast du wirklich gesagt ?"...und blass und blasser wurde.
Kerlchen hat das wirklich gesagt. Ich habe oft ihr couragiertes Auftreten erleben dürfen. Sie hat als einzigste in der Klasse (beim Elternabend) die Lehrerin Frau Engel, die hin und wieder schlug, oder an den Zöpfen zog (was sie bei mir getan hatte), regelecht zusammengefaltet. Ich war sehr stolz auf sie. Während die restlichen Eltern sich nicht trauten. Nicht mal die, wo der Sohn an die Tafel geflogen war und sich die Nase blutig schlug.
Frau Engel war dann auch wirklich ein Engel und hat mich nie wieder angefasst. Die anderen konnten das nicht von sich behaupten.
Zu DDR Zeiten hatte meine Mutter die Funktion einer Wirtschaftsleiterin inne und war die rechte Hand der Chefin. Am Anfang kam sie öfter nachhause und hat geschimpft, dass die dicken Damen da säßen, Kaffee schlürften und Kuchen fraßen, während sich die Kinder auf den Töpfen mit Kacke beschmierten.
Sie hat mit der Krippenleiterin einen Beschäftigungsplan ausgearbeitet. Die fetten Zeiten waren vorbei und die "Mollysisters" mussten ihre Hintern bewegen und sich mit den Kindern beschäftigen.
Kerlchen war in der Krippe auch Kummerkasten und die Frauen kamen zu ihr und vertrauten ihr Geheimnisse an, denn sie wussten, dass sie sie nicht weiterträgt.
Sie war BGL-Vorsitzende und hat sich mit der Kreisleitung angelegt. Frau Kühn, die die Frau vom Parteisekretär der Kreisleitung war und dummerweise im Konsum in dem ich Dekorateurin war, Kaderleiterin, hat mich überhaupt nicht gemocht. Ich habe Schwierigkeiten bekommen, aber auch jemanden gehabt, der bzw. die mir aus der Patsche geholfen hat.
Das war die schöne Hannelore Kowalsky, deren Gerechtigkeitssinn ich verdanke, dass ich nicht durch die praktische Prüfung gefallen bin.
Aber das ist eine ander Geschichte.
Meine Mutter war, so lange sie gearbeitet hat, eine selbstbewusste (auch sie hatte hier und da Minderwertigkeitsgefühle), engagierte Frau. Erst als sie Rentnerin wurde ist sie klein geworden. Ich glaube auch, dass sie leichte Depressionen hatte. Früher war das Glas immer halbvoll, ab da nur noch halb leer. Sie hätte noch eine Aufgabe haben sollen in der sie sich gebraucht fühlen konnte. Die hat sie nicht gefunden.
Ansonsten war meine Mutter eine belesene, geistreiche Frau mit kleinen Fehlern- aber wer könnte von sich sagen er hat sie nicht?
Und die Moral von der Geschicht...kannste was...biste was!..oder so?

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